Abschiedsrede Peter Simonischeks an das "Jedermann"-Ensemble

Das "Jedermann" Orakel

Es muss im Frühjahr 2001 gewesen sein, als ich einen sehr kurzen Brief von den Salzburger Festspielen erhielt. Darin stand nur ein Satz mit Fragezeichen und die Unterschrift des Schauspieldirektors Jürgen Flimm. Der Satz lautete: "Hast Du Lust, ab 2002 am Domplatz den Jedermann zu spielen?" Meine Antwort fiel noch kürzer aus! Es waren nur zwei Buchstaben und ein Ausrufungszeichen! Für entscheidende Fragen in unserem Leben sind klare, kurze, deutliche Antworten vorgesehen. Sie entscheiden zum Beispiel, ob man einen Antrag annimmt, mit wem man durchs Leben gehen will, oder, wie in diesem Fall, ob man mit dem "Jedermann" die nächsten Jahre verbringen will.

Ich nahm den Antrag an, denn ich war verliebt! Seit meinem achten Lebensjahr! Da gab es in unserem Schullesebuch ein Foto von einem Schauspieler, der an einer gedeckten Tafel stand, einen Blumenkranz in den Haaren hatte, mit strahlender Miene einen Becher hoch hielt und scheinbar eine launige Rede hielt. Über seine Schulter schaute der Tod mit nacktem Schädel und Gerippe. Der Bekränzte in Siegerpose schien den Gesellen hinter sich noch nicht zu bemerken, während die schöne Frau an seiner Seite schon entsetzt auf die Erscheinung starrte. Ein Bild von hoher Dramatik und metaphorischer Kraft, das mich als Kind faszinierte und das ich immer wieder ansehen musste. Als Bildunterschrift stand: Hugo v. Hofmannsthal, "Jedermann", Attilla Hörbiger und Judith Holzmeister am Domplatz in Salzburg.

Ich habe dieses Bild wohl in meinem Herzen bewahrt, wie Andere die Idole ihrer Generation, Matthias Sindelar, den "Papierenen" oder Toni Sailer, den dreifachen Olympiasieger.

Das war der Boden, auf den der Antrag der Festspiele fiel ... und dass die Saat aufgegangen ist und zu solcher Blüte im ersten Jahr und zu reicher Ernte (in jeder Hinsicht) in den folgenden Sommern sich entfaltete, lag neben der Gunst der launischen Thalia an vielen glücklichen Umständen und klugen Entscheidungen. Von Stückl als Regisseur, Marlene Poley als Bühnenbildnerin über Ferres als Buhlschaft und Rehberg als Gott und Jens Harzer als Tod. Nicht zuletzt auch an dem, in diesem Boden vergrabenen Lesebuch aus der Volksschule mit dem unvergesslichen Foto.

Die Rolle des "Jedermann" am Domplatz steht in Verbindung mit den Namen und dem Vermächtnis derer, die sie in den vergangenen neunzig Jahren seit August 1920 gespielt haben. Ich habe sie nicht gekannt, jedenfalls nicht den Moissi und den Attilla Hörbiger und doch bin ich mit ihnen in Verbindung wenn ich dort stehe und die Rufe höre ... und mit der Frage antworte: "Wer ruft da so nach mir?" und "Von wo werd' ich gerufen so?" Wenn ich die Sätze sage: "Wer kommt hinter mir heran ... Auf Erden schreitet so kein Mann!" Dann sind auch sie da, die Verstorbenen, die in gleicher Weise vom Augenblick berührten. Die großen Schauspieler mit der Gabe, die Berührung weiter zu geben an die Zuschauer und sie in den Bann des Unausweichlichen zu zwingen.

Das Mysterienspiel "Vom Sterben des reichen Mannes" ist selbst ein Mysterium. Schon die Tatsache, dass es seit 90 Jahren am ausverkauftem Domplatz zum 550sten Male gespielt wird, ist ein solches Mysterium. Und für mich war der "Jedermann" nicht eine Rolle wie jede Andere! "Was soll es denn sonst sein ...?" höre ich manchen Kollegen fragen. "Es gibt wirklich Bessere, bei Shakespeare zum Beispiel." Stimmt! Was soll man darauf antworten? Für manche ist ein Lipizzaner eben nichts als ein weißes Pferd.

Nun sind acht Sommer vergangen, in denen ich an heißen Nachmittagen und stürmischen Abenden auf diesem magischen Platz gestanden habe. Vieles ist geschehen und hat sich Sommer für Sommer in dem Geschehen auf der Bühne gespiegelt. Meine Eltern sind gestorben. Nie werde ich die Vorstellung 2003 vergessen, während der meine Mutter hier im LKH auf Leben und Tod auf dem Operationstisch lag und ich nicht wusste, ob ich das Vaterunser am Ende des Stückes für eine Lebende oder bereits Verstorbene spreche. Ich habe viel erlebt mit diesem "Jedermann" und er hat mein Leben sogar etwas verändert, weil ich das zugelassen habe.

Nun habe ich mich entschlossen die Rolle weiter zu geben an den Nächsten. Den 15ten "Jedermann" seit Alexander Moissi.

Die Zentrale Frage im "Jedermann" ist die Frage nach dem Glauben. Glauben heißt, nach einer schönen Definition "Wurzeln schlagen in einem geschenkten Grund". Auch ich habe Wurzeln geschlagen. Aber der Grund war, wie es im Stück heißt: "... nur geliehen". Ich gebe ihn wieder zurück! Es wäre gelogen nicht zuzugeben, dass es schmerzt.

Meinem Freund und Nachfolger wünsche ich: Beackere den Boden, senke Deine Wurzeln tief hinein, lass Dich überraschen von dem was Du findest und genieße die Blüten und die Früchte.

Am heutigen Abend ist es auch Zeit Danke zu sagen, allen die in den 8 Jahren mit mir da oben gestanden sind. Auch denen, die nur ein Jahr dabei waren wie etwa Michael Rehberg, oder Sunny Melles und die Ulli Meier, allen Treuen und Liebenden von der Tischgesellschaft und vom Hausgesinde, die viel Freizeit und Urlaub aus Liebe zum Theater geopfert haben. Dank Dir lieber Ernst Andres, Dein persönliches Schicksal ist mit dem "Jedermann" verbunden wie wohl kein zweites. Wir denken auch heute an Deine liebe Frau. Dank dem Ossi Fuchs und dem Achim Buch. Der Jennifer und dem Tobias, dem Peter Fitz, dem Karl Merkatz, der Elisabeth Schwarz, dem Maxi Brückner und Florian Stetter, der Susanne Schäfer, dem Henning Bock, dem Rudi Wessely, der Ulrike Volkerts, dem Clemens Schick und dem Ben Becker. Der Elisabeth Trissenar, der Marie Bäumer und der Nina Hoss, der Sophie, dem Gabriel, dem Thomas, dem Heinz, dem Sven Bechtolf und dem Peter Jordan, dem Toni und dem Friedrich, dem Norman Hacker, dem Arthur Klemt, der Bibiane Zeller, der Britta Bayer und den einzigen beiden Protagonisten, die seit der Premiere mit mir gespielt haben: Elisabeth Rath und Christof Wehrs.

Nicht zuletzt und nicht zu vergessen, die unvergleichlichen Köche Olaf und Max, der für die schönste Anekdote sorgte bei seinem letzten Abgang 2004 und zugleich Delphische Talente erkennen ließ, wie wir seit der Besetzung meines Nachfolgers wissen. Sein kecker und selbstbewusster Abgang mit den prophetischen Versen "Jedermann nimm Dich in Acht, hast Deine Rolle nur gepacht ...! Ich kenne Deinen Sohn, der stößt Dich bald vom Thron!!" hat sich erfüllt. Mein Nachfolger Nikolas Ofczarek spielt in dem Stück "Das Leben ein Traum" am Burgtheater den Sigismund und ich seinen Vater, König Basilius.

Ein dickes Dankeschön an Gunar Lezbor und seine "Ars Antiqua Austria". Ihr habt den Charakter der Aufführung wesentlich mitbestimmt und ward die Garanten für gute Stimmung im Ensemble und auf der Bühne sowieso. An Markus Zwink der uns die unverwechselbare Musik geschrieben hat. An meine engsten und fernsten Mitspieler am Franziskanerturm und auf der Festung ... meine schauerlichen "Rufer" Robert, Christan, Marcus und Gottfried.

Dank und große Bewunderung den Riederingern und ihren Eltern ... und der kleinen unvergesslichen Bella, die die Herzen der Zuschauer schon erobert hatte, bevor der erste Satz fiel. An ihnen, den Kindern, kann man (hoffentlich) am deutlichsten sehen, wie lange ich den "Jedermann" gespielt habe. Danke liebe Sybille, die Du mir die Treue gehalten hast, nicht wie meine Buhlschaften ... die sich alle vertschüsst haben mit den Worten "Auch ich verlass Dich hier, Dein Spiel will mir nicht mehr gefallen". Du bist sitzen geblieben in Deinem Häuschen auch wenn ich behauptet habe: "Sind alle fort ... und ganz alleinig auf der Welt". Meine einzige Verbündete, wenn ich am physischen Limit vor Deinem Soffleur-Kastel in die Knie ging und der Schweiß und der Pulverdampf in den Augen brannte und im Hals kratzte.

Lieber Christian, Dir gehört der größte Dank. Du hast den neuen "Jedermann" gemacht! Nach Deinen Ideen haben wir geprobt und gemeinsam gesucht. Du hast das Stück befreit von der Asche der Tradition und aus dem demonstrativen Mysterienspiel ein Stück Volkstheater gemacht. Deiner unermüdlichen Energie und mitreissenden Art ist es zu danken, dass dieses riskante Unternehmen "Ein Neuer Jedermann nach 80 Jahren Reinhardt" gelungen ist. Mit Dir hat Jürgen Flimm vielleicht den einzigen Regisseur gefunden, der im Stande war, dieses Stück kritisch und zugleich demütig, weder zynisch noch fundamentalistisch aufzufassen und umzusetzen. Ich danke Dir für Deine direkte und herzliche Art. Du hast ein freies und inspiriertes Probenklima geschaffen. Du liebst Deine Arbeit und die Menschen die mit Dir arbeiten und dann ist eben alles möglich.

Danke natürlich auch Dir liebe Helga, Du hast mir immer das Gefühl vermittelt, das wir so brauchen, wenn aberwitzige Erwartungen auf uns lasten, nämlich dass wir geborgen sind in der Sympathie und dem Vertrauen der Festspielleitung. Danke dem Leiter des Schauspiels Thomas Oberender und den hilfreichen und kompetenten Damen im Schauspielbüro nicht zuletzt dafür, dass sie meine Familie zu meiner allerletzten Vorstellung eingeladen haben.

Womit ich bei meiner Frau Brigitte und bei meinen Söhnen Max, Benedikt und Kaspar also am Ende angekommen bin. Die Familie tritt immer zurück und macht Platz und reiht sich hinten ein. Im Falle meiner Frau, die eine wunderbare Schauspielerin ist, ein Akt des Verzichtes und der Selbstverleugnung, der revisionsbedürftig ist. Dafür, und dass sie mir acht Jahre lang nicht einen Moment die Gefolgschaft aufgekündigt haben: Danke, meine Söhnen!! Danke Brigitte!!